Antike BautenPassau

Römisches Kastell BOIODVRVM (Boiotro)

Römisches Kastell BOIODVRVM (Boiotro)

Das Kastell kann besichtigt werden

Das Kastell Boiotro war ein spätrömisches Militärlager, dessen Besatzung für Sicherungs- und Überwachungsaufgaben am norischen Donaulimes zuständig war. Der Fluss bildete hier die römische Reichsgrenze. Die Fortifikation liegt heute auf dem Gebiet der bayerischen Stadt Passau im Stadtteil Innstadt, Bundesrepublik Deutschland.

Das Lager war eine der zahlreichen, unter Kaiser Valentinian I. errichteten, aber nur kurzzeitig besetzten Befestigungsanlagen in der Spätphase der römischen Herrschaft über die Provinzen an der oberen Donau. Wahrscheinlich ließ Severin von Norikum im ausgehenden 5. Jahrhundert in der Kastellruine ein kleines Kloster einrichten. In unmittelbarer Nachbarschaft entstand zur selben Zeit – vermutlich ebenfalls auf Initiative des Heiligen – eine Basilika für Reliquien von Johannes dem Täufer.

Name, Lage und Funktion+

Der antike Name Boiotro, eine Verballhornung von Boiodurum, wird in der Notitia Dignitatum und in der Lebensbeschreibung (Vita Sancti Severini) des Hl. Severin überliefert. Er lebt vermutlich in der – im Mittelalter aufgekommenen – Ortsbezeichnung Beuder bzw. heute Beiderbach und Beiderwies fort.

Das Kastell lag am Zusammenfluss von Inn (Aenus) und Donau (Danuvius), ca. 1000 m flussaufwärts vom Oppidum Batavis entfernt. Das Areal fällt durch seine Hanglage leicht zum Flussufer ab und wird vom Beiderbach durchströmt, der hier in den Inn mündet. Es diente wohl als Ersatz des innaufwärts gelegenen, in den Alamanneneinfällen des 3. Jahrhunderts (260) untergegangenen mittelkaiserzeitlichen Kastells Boiodurum und stand auf dem Gelände seines ehemaligen Lagervicus. Zu den Aufgaben der Kastellbesatzung zählte die Sicherung der Flußgrenze (ripa) bzw. des Innüberganges von Rätien nach Noricum, der Schutz der Stadt Batavis, die Nachrichtenübermittlung entlang des Limes sowie die Überwachung und Kontrolle der umliegenden Straßen und des Schiffsverkehrs auf den beiden Flüssen.

Forschungsgeschichte+

Aufgrund der im frühen 6. Jahrhundert abgefassten Heiligengeschichte des Severin von Norikum (Vita Severini) hatte der für das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege tätige Archäologe und Prähistoriker Rainer Christlein (1940–1983) schon vor der Entdeckung des Kastells über dessen Tätigkeit im Passauer Raum einige Überlegungen angestellt. Als 1974 bei Baggerarbeiten für einen Kindergarten – unweit der Severinskirche – die massiven Mauerreste der spätantiken Befestigung zu Tage traten, wurden bis 1976 unter der Regie von Christlein weitere Grabungen vorgenommen, in deren Zuge sich die Angaben in der vita weitgehend zu bestätigten schienen. 1982 wurde das Römermuseum eröffnet und das Grabungsgelände nach Konservierung der Mauerreste für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Daran anschließende Nachuntersuchungen, im selben Jahr durch Walter Sage (Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege) in der unweit vom Kastell liegenden Severinskirche durchgeführt, förderten die Reste ihres spätantiken Vorgängerbaues aus dem 5. Jahrhundert ans Tageslicht. Die vom Archäologen Michael Altjohann bereits in den 1990er Jahren als Dissertation bearbeiteten Grabungsergebnisse wurden aber erst 2012 veröffentlicht.

Entwicklung+

Entgegen früherer Überlegungen, die den Bau der Tetrarchie oder der konstantinischen Ära zuordneten, geht der Archäologe Thomas Fischer von einer wesentlich späteren Errichtung, während der Regierungszeit Kaiser Valentinians I. (364–375), aus. Anhand der vor Ort gemachten Funde nimmt man in Fachkreisen an, dass es aber schon vor dem Jahr 400 wieder von seiner Besatzung geräumt und aufgegeben wurde. Der Grenzschutz wurde ab da auf norischer Seite vermutlich von der Besatzung des Burgus in Passau-Haibach übernommen. Auch der plötzliche Abbruch der Münzreihe und noch andere diesbezügliche, bei den Grabungen gemachte Beobachtungen legen nahe, dass Boiotro spätestens vor Mitte des 5. Jahrhunderts n. Chr. seine militärische Funktion eingebüßt hatte. Die Grabungsbefunde aus den 1970er Jahren lassen weiters annehmen, dass die aus der letzten Bauphase des Kastells stammenden Einbauten zu einem, in der vita Severini des Eugippius erwähnten, von Severin hier um 470 n. Chr. gegründeten Kloster gehören könnten. Vermutlich ist auch der, ca. 150 m vom Kastell entfernte, spätantike Vorgängerbau der Severinskirche mit der in der vita erwähnten Johannesbasilika identisch. Neue – allerdings noch unpublizierte – Untersuchungen von J. Ristow lehnen diese Annahme jedoch ab.

Zur Zeit der Ankunft Severins in Noricum befand sich das Kastell zwar schon in einem fortgeschrittenen Verfallstadium, war aber noch bewohnt und nun wohl ein Vorort der civitas Batavis. In seiner Endphase benutzten seine Bewohner nur noch die damals wohl noch besser erhaltenen südlichen und westlichen Innengebäude, die Baracken an der Nord- und Ostseite waren wohl schon zur Gänze unbewohnbar. Als von Westen immer mehr alamannische und thüringische Stämme in den Donauraum drängten, evakuierte Severin um 476/477 die Romanen aus Quintanis, Batavis, Boiotro und Iovaco nach Lauriacum und etwas später weiter nach Favianis, wo er sein Stammkloster errichtet hatte, das unter dem Schutz der Rugier stand. Das Kastell fiel im Laufe des 5. Jahrhunderts offenbar einer Brandkatastrophe zum Opfer.

Der Platz wurde aber dennoch auch über die Spätantike hinaus weiter benutzt, denn im Kastellinneren fanden sich deutliche Spuren frühmittelalterlicher Siedlungstätigkeit. Für die weitere Anwesenheit von Gruppen der romanischen Restbevölkerung in Noricum und Rätien über das Jahr 488 hinaus spricht auch die Tatsache, dass einige ehemalige Römersiedlungen westlich der Enns über die Jahrhunderte ihre antiken Ortsnamen – wenn auch in stark veränderter Form – beibehalten hatten. Im 12. oder 13. Jahrhundert wurde große Teile der Kastellruine abgetragen, möglicherweise um daraus Baumaterial für die Errichtung der spätkarolingisch-ottonischen Severinskirche zu gewinnen. Im frühen 15. Jahrhundert wurden für den Bau der Wehrmauer um die Innstadt auch die letzten noch aufrecht stehenden Mauerfragmente des Kastells abgebrochen. Nur auf dem Freigelände und im Keller des heutigen Römermuseums blieben größere römische Mauerreste erhalten.

Kastell+

Die mehrphasige Anlage hat einen unregelmäßigen, stark nach Süd-Ost verzogenen, 47 m (N-S Seite) × 65 m (W-O Seite) großen, trapezförmigen Grundriss. An den südlichen Ecken war das Kastell durch weit vorkragende, polygonale Fächertürme verstärkt. Im Norden standen höchstwahrscheinlich zwei baugleiche Exemplare, aber auch fünfeckige Konstruktionen wären denkbar. Zwischentürme konnten keine festgestellt werden. Der Zugang ins Lagerinnere war nur durch das am Innufer – zentral gelegene – Nordtor (eine Durchfahrt) möglich. Die auf Pilotenpfähle aufgesetzten Fundamente der Bruchsteinmauern waren 2,4 m bis 3,6 m stark. Der 15 m lange Südwall an der einem Hang zugewandten Seite war besonders verstärkt worden, das Fundament war hier fast 4 m breit. Bemerkenswert ist auch, dass der Ostwall in Laufrichtung Innufer mittig einen leichten Knick nach NO aufweist. Im Westen, Süden und Osten der Befestigung war noch zusätzlich ein 8 m breiter Graben als Annäherungshindernis angelegt worden.

Trat man durch das Tor, gelangte man in den trapezförmigen Innenhof, der im Zentrum unverbaut war und nach Süden hin leicht anstieg bzw. sich dort wieder verjüngte. Die Innenbebauung bestand aus einer umlaufenden Reihe von ziegelgedeckten Baracken für Soldatenunterkünfte, Verwaltung und Speicherräume. Sie waren an ihrer Rückseite direkt an die Wehrmauer angesetzt worden (vgl. hierzu auch Kastell Altrip). Hofseitig waren sie mit Arkaden auf wuchtigen, quadratischen Pfeilern aus Tuffstein versehen, deren Fundamente bis zu 4 m in den Boden reichten. Sehr wahrscheinlich hatten diese Gebäude also auch ein Obergeschoss. Die Zugänge befanden sich vermutlich in den Türmen. In der SO-Ecke fanden sich zwischen den Pfeilern Reste von zwei Reihen hölzerner Stützpfosten und Vermauerungen zwischen den Pfeilern. Es waren die Überreste eines nachträglich hinzugefügten, rechteckigen Einbaues, die Westseite aus Holz und die Ostseite aus Steinmaterial. Christlein vermutete, dass es sich dabei um ein Gebäude zur Lagerung von Getreide (horreum) handelte. Der Eingang lag im Westen und wurde durch einen, die ganze Südseite des Innenhofes einehmenden, hölzernen Vorbau vor Witterungseinflüssen geschützt. Es dürfte – nach Datierung der Kleinfunde – in der Mitte des 5. Jahrhunderts entstanden sein. Im Innenbereich konnte zwischen den Pfeilern der Südwestecke ein 8 m tiefer Brunnenschacht für die Trinkwasserversorgung der Besatzung ergraben werden, der auch nach über 2000 Jahren immer noch Wasser führte.

Das Kastell Boiotro ähnelt zwar in einigen Details auch anderen rätischen Befestigungsbauten, vergleichbare Konstruktionen finden sich erst wieder etwas weiter im Osten, am Eisernen Tor, im rumänischen Abschnitt der Donau. Es ist die am weitesten im Westen gelegene Grenzbefestigung des Donaulimes, die noch die markanten Elemente des spätrömischen norisch-pannonischen Festungsbaus aufweist. Dazu gehören vor allem die weit vorkragenden fächerförmigen Ecktürme mit abgerundeter Front an der Südseite. Türme dieser Art sind in dieser Region typisch für die Spätantike, sie wurden an vielen Garnisonsorten entlang des Donaulimes beobachtet und können einer mehr oder minder langen, zusammenhängend organisierten Baukampagne zugeschrieben werden. Eine am Kastell Baracspuszta (Annamatia) in der Provinz Pannonia Valeria aufgefundene Münze, die während der Herrschaft des Kaisers Konstantin II. (337–340) geprägt worden war, gilt als Beleg für den frühesten Zeitpunkt, an dem diese Turmform aufkam. Das grundsätzliche Baukonzept könnte jedoch etwas älter sein, da bei Baracspuszta – wie an vielen anderen pannonischen Kastellplätzen auch – die Anlagen lediglich mit Fächertürmen nachgerüstet wurden.

Funde+

Die Funde aus den Grabungen ab 1974 können in das 4. Jahrhundert und mit einem Unterbruch in das 5. Jahrhundert datiert werden. Die Auswertung der geborgenen Münzen zeigte, dass der Geldzufluss schon um 375 n. Chr. abbrach. Im Fundspektrum dominierte vor allem eine rauwandige, mit unregelmäßigen Kammstrich dekorierte Keramik der sogenannten „Horreumware“, in norischer Tradition hergestellte Gebrauchsgefäße, die aber im benachbarten Batavis erstaunlicherweise nicht vorkommt. Aufgrund des Fehlens entsprechender Keramik unterhielten seine Bewohner wahrscheinlich auch keine Handelskontakte mit den angrenzenden Germanenstämmen. In einer Hüttenlehmschicht des Horreums fanden sich 1975 und 1977 noch verkohlte Pflanzenreste, die als Körner von Weizen, Roggen, Gerste und Rispenhirse identifiziert werden konnten. Durch den Fund ihrer Grabsteininschriften sind auch zwei Bewohner der mittelkaiserzeitlichen Zivilsiedlung bekanntgeworden, der Zöllner Faustinianus und ein Weinhändler namens Publius Tenatius Essimnus (Datierung: 2. Jahrhundert n. Chr., Fundort: Passau im Flussbett des Inn), die hier ihre letzte Ruhestätte fanden.

Garnison+

Laut norischer Truppenliste in der Notitia Dignitatum waren in Boiodoro eine nicht näher bezeichnete cohors, vermutlich Angehörige der ripenses, und ein tribun als Lagerkommandant stationiert. Sie gehörten zur Armee des für den Grenzschutz der Provinzen von Noricum ripense und Pannonia I zuständigen Dux Pannoniae Primae et Norici Ripensis.

Johannesbasilika+

Dem Kastell gehörte auch eine kleine, im 5. Jahrhundert n. Chr. erbaute, Johannes dem Täufer geweihte Basilika an, die außerhalb der Wehrmauern (extra muros) lag. Sie bestand im Wesentlichen aus einem einschiffigen, 11 m × 9 m messenden Langhaus, das an der Ostseite von einer halbrunden Apsis abgeschlossen wurde. Diese war vom Langhaus durch zwei kurze, beidseitige Zungenmauern abgetrennt. Im Zentrum der Apsis befand sich eine Altarmensa, in deren Boden ein Reliquiarbehältnis aus Kalkstein eingemauert war. Im Westen befand sich eine weniger tief fundamentierte Vorhalle mit deutlicher Baufuge und gleicher Breite wie das Langhaus. Hier fanden sich auch einige beigabenlose Gräber. Sie dürfte den Bewohnern des Umlandes und den Mönchen des Severinsklosters als Coemetrialbasilika gedient haben.

Hinweise+

Ein spätmittelalterliches Haus, das direkt über den südwestlichen Mauersektionen des Kastells steht, wurde als Zweigmuseum der Archäologischen Staatssammlung in München adaptiert. Es bietet detaillierte Einblicke in die Geschichte Passaus zwischen Römerzeit und Frühmittelalter sowie einen allgemeinen Überblick über die vor- und frühgeschichtlichen Zeitepochen Südostbayerns. Die Sammlung beinhaltet archäologische Funde aus Ostbayern (Material aus den Kastellen Moos und Künzing sowie aus zivilen Ansiedlungen am ostraetischen Donaulimes), wobei die Stücke aus Passau aber den Schwerpunkt der Ausstellung bilden. Zwei Räume sind als Lapidarium gestaltet, in denen Inschriftensteine aus Passau und Umgebung im Original oder als Kopie präsentiert werden. Im Keller wurden römischen Fundamente und Mauerreste freigelegt, auf denen das Museumsgebäude zum Teil ruht. Die ausgegrabenen Teile der Grundmauern und des SW-Fächerturms wurden konserviert und können auf dem Freigelände des Museums besichtigt werden. Die archäologisch gesicherten Reste der Kastellmauer und des Nordtores unter der heutigen Lederergasse sind durch eine dunklere Straßenpflasterung markiert.

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Quelle: Wikipedia · Lizenz: CC BY-SA 4.0

Die Beschreibung stützt sich auf die im verlinkten Wikipedia-Artikel belegten Fakten; Wikipedia-Inhalte stehen unter CC BY-SA 4.0. Formulierung und Bearbeitung: Mobile Geschichte.

Lage: 48.5698, 13.4624