Antike BautenPevensey

Römisches Kastell Anderitum (Pevensey Castle)

Römisches Kastell Anderitum (Pevensey Castle)

Die Ruine kann besichtigt werden



Anderitum war ein Limitaneikastell und Flottenstützpunkt der Classis Britannica am Limes der britischen „Sachsenküste“, dessen beträchtliche Überreste sich bis heute in der Burg Pevensey Castle beim heutigen Pevensey im County East Sussex, England erhalten haben.

Name+

Das Kastell wird in der Notitia Dignitatum als Anderidos genannt, zwischen den Eintragungen für Rutupiae (Richborough, Kent) und Portus Adurni (Portchester, Hampshire), auf und wird letztmals beim Geograph von Ravenna um 700 erwähnt, dort unter dem Namen Anderelio, neben Iacio Dulma (Towcester, Northamptonshire) und Mutuantonis, einer bis heute nicht lokalisierten Station in Süd-Ost-England. Die Angelsachsen nannten die Stätte Andredes ceaster und den Wald, der sich etwa 200 Kilometer von hier bis Dorset erstreckte, Andredsweald. Später war dieser Ort auch als Caer Ponsavelcoit (bei Nennius) oder Pefele (Pefe-Insel) bekannt.

Das Kastell wurde auf einer kleinen Halbinsel oberhalb der Küstenmarschen gebaut, die damals bis Hailsham reichten. Aus diesen Marschen ragten einige auch bei Flut noch trockene Plätze heraus, die heute Rickney, Horse Eye, North Eye und Pevensey heißen – Ortsnamen, die auf -eye enden, bedeuteten im Altenglischen „Insel“. In der Antike reichte das Meer bis fast unmittelbar an die Kastellmauern heran, heute steht die Ruine etwa 1 km landeinwärts auf einem kleinen Hügel, von dem aus man gut die flache Landschaft um Pevensey überblicken kann.

Funktion+

Die einstige Halbinsel, auf der das Kastell steht, schützte eine große, nach Nordosten ausgerichtete Ankerbucht. Abgesehen von Fragmenten einiger Ziegelstempel der Classis Britannica aus dem 2. oder 3. Jahrhundert, die einen vorangegangenen Betrieb als Flottenstation oder geschützten Ankerplatz annehmen lassen, begann die militärische Nutzung des Areals wohl erst ab der Zeit der Usurpation des Carausius. Ziel war, so die Lücke in der Festungskette zwischen Portus Adurni (Portchester) und Portus Lemanis (Lympne) zu schließen. Nach Auflösung der römischen Militär- und Zivilverwaltung in Britannien wurde das Kastell als befestigte Zivilsiedlung (oppidum) genutzt.

Pevensey spielte aufgrund seiner Lage in der englischen Geschichte oft eine herausragende Rolle. Die Geschichte dieses Ortes ist auch eng mit seiner normannischen Burg, Pevensey Castle, verbunden, die die Befestigungen des Kastells miteinbezog.

In der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts begannen germanische Piraten vom Kontinent mit Überfällen auf den römischen Seehandel zwischen den Küsten Nordgalliens und dem südöstlichen Britannien. Ab dem Jahr 270 konnte die Classis Britannica die Piraten alleine nicht mehr in Schach halten. Um sie zurückzuschlagen, wurde unter anderem die Flotte vergrößert, gleichzeitig errichteten die Römer an der britischen Küste eine Kette von massiven Steinkastellen, in denen die neuen Flottenabteilungen stationiert wurden, um strategisch wichtige Flussmündungen oder natürliche Häfen – wie auch den von Pevensey – gegen solche Überfälle besser zu schützen.

Das sich inzwischen zum Oppidum gewandelte Anderitum wurde im Jahr 491 n. Chr. von den Angelsachsen unter ihren Anführern Ælle und Cissa belagert und gestürmt. Es ist dies einer der seltenen überlieferten Berichte aus der Völkerwanderungszeit über die erfolgreiche Belagerung einer stark befestigten römischen Siedlung durch die Einwanderer. Als nach Abzug der Römer im Jahr 410 der Druck der Angelsachsen auf Britanniens Küsten wuchs und sie langsam begannen, auch die fruchtbaren Lowlands zu übernehmen, flüchteten sich einige Romano-Briten in die Kastelle der Sachsenküste, die wohl größtenteils noch intakt geblieben waren. Dies schützte sie jedoch nur vorübergehend vor den Invasoren. Die Angelsächsische Chronik berichtet vom vergeblichen Versuch, die Mauern gegen den Angriff der Angelsachsen zu halten, und von der Massakrierung seiner Bewohner nach Eroberung der Festung:

Die Angelsachsen unter ihren Häuptlingen Ælle und Cissa belagerten Andredes ceaster und schlachteten jeden, den sie hier antrafen ab, so dass keiner der Briten überlebte

Auch in stark befestigten Siedlungen waren die Romano-Briten nun offenbar nicht mehr sicher. Ein Grund für den Untergang der Romano-Briten in Anderitum war wohl, dass sie während des frühen 5. Jahrhunderts über den ansonsten nur schwer passierbaren Wehrgraben, der das Westtor vom Umland trennte, einen breiten Damm aufgeschüttet hatten und ihn dann möglicherweise nicht mehr rechtzeitig entfernen konnten. Dieser erleichterte nun den Zugang zum Haupttor des Kastells und erschwerte somit noch zusätzlich die Verteidigung der Mauer, dies auch deswegen, da die romano-britischen Verteidiger wohl nicht zahlreich genug gewesen sein dürften, um alle gefährdeten Punkte der Befestigungen zu besetzen.

1042 ließ der angelsächsische König Harold Godwinson hier wieder eine Festung errichten, unter anderem ließ er dazu innerhalb des römischen Mauerrings Gräben ausheben.

1066 wurde die Garnison wieder abgezogen und gegen die Norweger unter König Harald Hardraada, die inzwischen im Norden eingefallen waren, in Marsch gesetzt, so dass Wilhelm der Eroberer, als er im September desselben Jahres dort mit seiner Armee anlandete, die Festung unverteidigt vorfand. Nach der Normanneninvasion wurde die Festung Williams Halbbruder, Robert de Mortain, als Lehen übergeben, der eine kleine Siedlung außerhalb der römischen Mauern gründete und neue Befestigungen in die Kastellruine einbauen ließ. Dabei wurde ein Drittel des Kastellareals durch einen Palisadenwall abgeteilt und die verfallenen römischen Wälle in diesem Teil wurden wieder instand gesetzt. Gleichzeitig oder nur wenig später wurde auch der große Turm in seiner ursprünglichen Form wiedererrichtet.

1088 wurde die Burg von Wilhelm Rufus belagert, erneut während des Bürgerkriegs um die Nachfolge Heinrichs I. (1135–1154), sowie ein weiteres Mal 1264 von Simon V. de Montfort.

Elisabeth I. befahl den Abriss der Burg, doch wurde die Anordnung wieder fallengelassen und die Burg weiter als Waffenplatz genutzt. Unter Oliver Cromwell wurde erneut ohne Erfolg versucht, die Burg zu zerstören.

1942 wurden hier angesichts einer erwarteten deutschen Invasion von der englischen Miliz (Home Guard) Flak- und Beobachtungsstellungen sowie eine Funkstation eingerichtet.

Kastell+

Das spätrömische Kastell wurde erstmals von Louis F. Salzman genauer untersucht, der Ausgrabungen in den Jahren 1906–1908 leitete. Aufgrund der außergewöhnlichen Form der Umwehrung nahm man lange an, dass es um 340 errichtet worden war. Nach Münzfunden sowie Untersuchung und Datierung von Holzproben aus den Fundamenten der Mauer wurde es allerdings mit ziemlicher Sicherheit schon um das Jahr 293 unter der Herrschaft des Usurpators Allectus in Auftrag gegeben. Mit einer Fläche von ca. 3,65 ha ist es eines der größten derartigen Bauwerke am Litus Saxonicum.

Die ovale Form des Grundrisses passt sich an die Konturen der damaligen Halbinsel an. Fast zwei Drittel des 760 m langen Walles haben bis heute die Zeiten relativ gut überdauert. Die Südostecke wurde später durch die normannische Wehranlage überbaut, der südliche Abschnitt des Mauerrings wurde fast vollkommen durch den Einfluss von Gezeitenkräften abgetragen oder ist durch Hangabrutschungen eingestürzt. Von der Innenbebauung konnten nur Spuren einfacher Holzständergebäude beobachtet werden.

Seine Befestigungen repräsentieren eine weitere Stufe in der römischen Militärarchitektur.

Die Fundamente der Mauern von Pevensy wurden sehr sorgfältig und mit großer Sachkenntnis angelegt. Über vertikal in den Boden des Fundamentgrabens getriebene hölzerne Piloten wurde zunächst nacheinander eine Schicht Flintsteine und zerkleinerte Kalksteine aufgebracht und festgestampft. Darüber legte man quer zwei hölzerne Plankenroste, deren Zwischenräume mit Kalksteinblöcken aufgefüllt und danach mit Mörtel übergossen wurden, um das Fundament so weitgehend gegen das Einsickern von Feuchtigkeit zu versiegeln. Es entstand eine äußerst stabile, aber dennoch genügend flexible Plattform, die in der Lage war, eine damals neue Art von römischer Massivmauertechnik zu tragen, eine freistehende Gussmörtelkonstruktion mit Sandsteinverblendung ohne eine an der Rückseite aufgeschüttete, bis zum Wehrgang reichende Erdrampe. Dennoch konnte auch in Pevensey eine – allerdings nur sehr niedrige – Erdrampe nachgewiesen werden

Die Mauern ragen auch heute teilweise noch über 5 m auf; an der Basis 4,2 m dick, verjüngen sie sich stufenförmig bis zur Mauerkrone auf ca. 2,4 m. Der Wehrgang selbst war mit Ziegelplatten ausgelegt. Die äußere Mauerverkleidung wird jeweils unten durch zwei horizontal verlaufende Sandsteinplatten- und weiter oben durch zwei Ziegelbänder unterbrochen, die die Sandsteinverblendung besser mit den Gussmörtelkern verbindet (Ziegeldurchschuss). Dieser beinhaltet hauptsächlich Flintsteinbruch.

Insgesamt konnten drei Tore bestimmt werden: das stark befestigte Westtor, das einfach ausgeführte Osttor und ein kleiner Durchlass an der Nordmauer.

Die Existenz einer weiteren Pforte im nur noch sehr schlecht erhaltenen Südwall ist wahrscheinlich. Der Wall wurde zusätzlich durch 13 solide, vorkragende, halbrunde Türme verstärkt, die in unregelmäßigen Abständen angebaut wurden.

Das Westtor ist eine weiterentwickelte Form des „Watergate“ von Portus Adurni (Portchester). Es besteht aus einem zentralen Torhaus mit überwölbter Wachstube, von dem nur noch die Fundamente erhalten geblieben sind, der Durchgang selbst misst ca. 2,75 m. Der hinter der Wallinie platzierte Torweg wird zusätzlich noch durch zwei auf massiven Gussmauersockeln stehende, doppelstöckige und ziegelgedeckte U-Türme flankiert. Diese Konstruktionsart erlaubte es den Verteidigern, das Abwehrfeuer auf die bis zum Tor vorgedrungenen Angreifer gleichzeitig von drei Seiten aus zu eröffnen. Vor dem Tor war ein v-förmiger Wehrgraben angelegt, der die Halbinsel vom Festland abschnitt. Wie auch die übrige Mauerkonstruktionen war das Tor aus Sandsteinblöcken aufgebaut, die mit vertikal verlaufenden Ziegel- und Sandsteinplatten verstärkt waren. Der Kern bestand auch hier hauptsächlich aus Flintstein.

Garnison+

In der Notitia Dignitatum ist für die Spätantike als Festungskommandant ein Praepositus numeri Abulcorum, Anderidos, d.h. „der Befehlshaber einer Schar der Abulci in Anderida“, unter dem Oberbefehl des Comes litoris Saxonici per Britanniam, angegeben.

Ein Praepositus war in früheren Zeiten der Kommandant einer ganzen Vexillation. Die Abulci stammten ursprünglich wohl aus Abula in der Provinz Tarraconensis, die u.a. in den Geographica des Claudius Ptolemäus erwähnt wird. Heute ist diese Stadt unter den Namen Avila im zentralen Hochland Spaniens bekannt. Es könnte sich bei dieser Einheit aber auch um Angehörige eines nur wenig bekannten germanischen Stammes gehandelt haben.

Die Besatzung vom Anderitum zählte zu den Grenztruppen, den Limitanei. Man nimmt an, dass die militärische Aktivität hier auch noch im 5. Jahrhundert ungebrochen anhielt. Soldaten, die dienstfrei hatten, bestellten in dieser Zeit mit ihren Familien meist kleine Höfe, die steuerbefreit waren. Die Truppe in Anderitum bestand zum Schluss wohl schon zum größten Teil aus germanischen Einwanderern, die auch ihre Ausrüstung vor Ort herstellten, da dieser kleine Außenposten nicht mehr aus staatlichen Magazinen versorgt wurde.

Inschriften+

Es sind keine steinernen Inschriften aus Pevensey bekannt, allerdings wurden einige Ziegelstempel im Kastell gefunden. Es handelt sich dabei um Fragmente von Ziegelstempeln mit der Aufschrift CL BR (Classis Britannica) aus dem 2. oder 3. Jahrhundert.

1902 entdeckte der Amateurarchäologe Charles Dawson in Pevensey Castle angeblich Ziegel mit dem Stempel HON[orius] AVG[ustus] ANDRIA („Honorius Augustus, aus Andria“) und sah diese als Anzeichen für Renovierungsmaßnahmen in der Regierungszeit des Honorius (395-423). Naturwissenschaftliche Untersuchungen erbrachten jedoch das Ergebnis, dass diese Ziegel Fälschungen sind.

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Quelle: Wikipedia · Lizenz: CC BY-SA 4.0

Die Beschreibung stützt sich auf die im verlinkten Wikipedia-Artikel belegten Fakten; Wikipedia-Inhalte stehen unter CC BY-SA 4.0. Formulierung und Bearbeitung: Mobile Geschichte.

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